Salone del Gusto 2008, Torino, Italia Teil2

09. November 2008

Frühstück mit gutem Cappuccino, Prosciutto mit Pane und Schokoladen in einem alten Caffe bei Onkel und Tante heißt mein erstes Ziel nach dem ich den Morgen verschlafen habe.  Ich finde alles was ich brauche um die Ecke in einem kleinen Laden an der Piazza Chiesa della Salute.

Gestern noch in den Bergen bei Cesare Giaccone zu einem Abendmal epischen Ausmaßes nach einem Tag mit einer Fülle von emotionalen Facetten um mich herum: Liebe, Wut, Trauer und Erschöpfung, Lust, Genuss, Hoffnung und Erfüllung gaben sich dort ein Stelldichein und es wurde spät und die Heimfahrt war lang…

Angekommen in der Stadt mache ich mich auf zum Salone auf dem riesigen Messegelände, was aus der ehemaligen Fabrikation von Fiat besteht. Die riesigen Ziegel- und Glasbauten aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts  werden bekrönt von einer höchst privaten Rennstrecke, die auf Stelzen über das Dach des gesamten Gebäudekomplexes führt. Gleich neben an befindet sich in der alten Barolo Chinato-Fabrik das SlowFood Einkaufszentrum EATALY. Ein Rausch befällt jeden Foodie beim Betreten des Komplexes: Gutes Essen in allen Manifestationen und immer schick präsentiert, probierbar, sexy. Und alles nur regional und artisanal hergestellt. Es ist einfach unglaublich wie viele Menschen hier wegen Essen unterwegs sind. Der Supermarkt ist, wie übrigens auch die Messe bis 22:00 Uhr geöffnet. Ganze Tagesabläufe werden hier ums Essen und Trinken gestaltet und vor der Türe auf der Piazza gibt es Fast Food: Kichererbsen Farinata aus riesigen holzbeheizten Stahlbacköfen in Kupferpfannen geschoben mit frischem Rosmarin und einem Glas Rotwein. Fast, but good ist hier die Devise. Ich esse gleich zwei Stücke, weil sie so köstlich sind und mich an meine erste Begegnung mit dieser ligurischen Spezialität erinnern im Restaurant Quintilio in Altare, nördlich von Savona, aber das ist eine andere Geschichte.

“Dolce Stil Novo” – “Neuer süßer Stil” hieß eine literarische Bewegung im Norditalien des 13. und 14. Jahrhunderts: Die Liebe (amore) wird entsprechend der platonischen Ideenlehre und höfisch-literarischer Anschauungen überhöht und als göttliche Kraft gesehen.

“Dolce Stil Novo” http://www.dolcestilnovo.com/ ist das Restaurant von Alfredo Russo einem bekannten Piemonteser Sternekoch, der seit über 15 Jahren sehr erfolgreich seinen Stil an wechselnden Restaurantstandorten entwickelt hat. Jetzt ganz neu ist er im Königlichen Palast in Venaria und ich darf heute Abend mit Marcello und Raffaele in seine Küche…

Die Küche haut mich um: Ein Wunderwerk moderner Küchentechnik, vom italienischen Staat für hunderttausende Euros gebaut nach den Plänen eines ambitionierten Sternekochs Anfang Vierzig,  Alfredo Russo muss so etwas wie der Juan Amador Italiens sein: Ein genialer Tellerakrobat mit viel Molekularem und verschmitzen Seitenhieben in seinen Gerichten und seine Küche hat ALLES was es technisch so gibt. Er kann destilieren und sublimieren, Klimaöfen in der Patisserie, alles voller abgerundeter Edelstahlflächen und speziell angefertigter Becken für spezielle Arbeiten, dann dazwischen Fenster in die Geschichte des Palastes, wo Mauerwerkstrukturen und Stuck freigelegt und saniert unter Panzerglas gezeigt werden. Und vor den Fenstern: Aus rund 20 Metern Höhe der freie Blick über die versaillesartigen Gärten und das Piemont. Atemberaubend. Ich muss mich beeilen meinen Moelleux de chocolat auf den Weg zu kriegen, den ich mit Grappafrüchten und Schmand auf der Dessertvariation anrichten werde. Die Vorspeise, eine Charlotte mit Mecklenburger Wildkräutern und lokalem Stör ist schon bald auf dem Teller und mit Rote Bete-Rapsöl Vinaigrette angerichtet. Die Kollegen helfen sich gegenseitig vorbildlich, nur der Chef Alfredo bleibt in der Beobachterposition und möchte den “Deutschen” nicht in die Quere kommen. Seine Köche stellen ein sehr gut eingespieltes Team dar und sein langjähriger Partner am Herd und Küchenchef ist nach dem gemeinsamen Abend schon ein Freund geworden. Der Abend endet mit großem Applaus aus dem Restaurant und interessierten Fachgesprächen mit den Kollegen beim Bier und Wein über Russos neuem Koch-Buch “Da Idea”. Ich ziehe heute abend noch aus der Jugendherberge aus: Bin es satt in Italien auf einer Genussreise zu sein und alleine in einem 4-Betten Zimmer am Rande der Stadt neben einer Großbaustelle zu schlafen. Auf dem Corso Vittorio Emanuele mittendrin in Turin findet sich ein Zimmer im ganz netten, historischen Hotel Genio (Best Western). Dort falle ich stante pede ins Bett. Morgen endlich ein ganzer Tag beim Salone del Gusto und mein Besuch bei Terra Madre…

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Mittwoch, 08. Februar 2012

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