Salone del Gusto 2008, Torino, Italia Teil1

02. November 2008

Zehntausende Menschen in bester Laune die , begleitet von ihren Kindern und anderen Familienmitgliedern zum Messegelände in der ehemaligen Fiat-Autofabrik pilgern um dort über luftgetrockneten Schinken, Wein und italienische Artisanal-Biere, Farinata (Kichererbsenmehlkuchen) und eingelegte Gemüse zu fachsimpeln, zu verkosten, eine Meining zu haben, kurz Streit zu bekommen um dann weiter zum nächtsne Stand zu ziehen an dem alles von Vorne beginnt.

Nein keine skurrile Szene aus einem alten Fellini-Film, sondern wirklich so erlebt habe ich das hundertfach an den fünf Tagen, die ich Ende Oktober in Italien verbringen durfte.

Ulrich Rosenbaum von SlowFood Deutschland hatte die glänzende Idee gehabt und Marcello Fabbri vom Restaurant Anna Amalia in Weimar, Raffaele Cannizzaro vom Hotel de Rome in Berlin und mich als einzigen Deutschen auf den Weg geschickt, die feine Gastronomie und die dem Gedankengut von Slow Food zugetanen Küchenchefs aus dem Osten der Republik zu repräsentieren. Dazu waren wir als Delegierte des Weltkongresses der Lebensmittelbündnisse Terra Madre auch Abgesandte unseres Kulturkreises Mitte- und Nordeuropa in der Sparte von knapp 1000 Köchen aus aller Welt. So hatte es Petrini zwei Jahre zuvor beim letzten Kongress als Ziel ausgelobt und sein Versprechen sollte Wirklichkeit werden.

Wir drei Küchenchefs haben also unsere sieben Messer eingepackt, haben uns zu einem denkwürdigen Einstimmungsmahl bei Fabbri in Weimar getroffen und sind dann zusammen losgefahren nach Turin. Dort würden wir am zweiten Abend im unbeschreiblich schönen Palazzo Reale in Venaria aufkochen und hoffentlich die kennerhafte Gästeschar für das ostdeutsche „Küchenwunder“ begeistern. Dortim Palazzo Reale stehe uns eine Restaurantküche zur Verfügung, die ordentlich genug ausgestattet sei um die ca. 80-100 Gäste des Abends zu bekochen. Jeder einen Gang und dann ein gemeinsames Dessert. Natürlich Slow: Regionale Produkte  aus Ostdeutschland, traditionelle Rezepturen, zeitgemäße frische Aufarbeitung des Ganzen. Unterstützt von italienischen Köchen aus dem Restaurant dort im Palastmuseum. Mal sehen was das wird, aber erst einmal zurück zum Vorabend.

Wir fuhren mit zwei Wagen: Marcello, Raffaele, Roman Drobeck, der Sommelier vom Anna Amalia und Alexander Mayerhofer sein F&B Manger im Van mit den Lebensmitteln und dem Ziel die Schweiz wegen Zoll zu umfahren vorweg und im PKW Beate Wieckhorst vom Stern und ich nach Navigationssystem auf dem schnellsten Weg hinterher.  Die Journalistin und ich unterhielten uns hervorragend während der ganzen Reise über Lebensmittel, Essen und Kochen natürlich, denn Sie ist die rechte (und vielleicht auch die linke) Hand von Bernd Gamerschlag, dem Chef der Kulinarischen  Themen beim Stern und genialer Erfinder von Food+, dem ultimativen Mailorder-Guide für Feinschmecker in Deutschland. Wir hatten also unseren Spaß und fuhren abwechselnd, was dazu führte , daß ir noch nicht einmal eine Mittagspause an der Strecke in der Schweiz einlegten. Genau deshalb und weil wir ohne Fracht im Wagen auch die Schweiz nicht meiden mussten, kamen wir so gegen 16 Uhr in Turin an: Berufverkehr! Stop and go für 90 Minuten bis zu Beates Hotel und dann noch einmal zurück zu meiner Jugendherberge (dort hatte die Stadt Turin und Köchen und größzügigerweise kostenlose Zimmer zur Verfügung gestellt).

Nun galt es schnell den Reisestaub abzuwaschen und fertig zu werden, denn der erste Abend sollte auch gleich der kulinarische Höhepunkt der Reise werden. Es gab Essen bei Cesare Giaccone in Albaretto del Torre! Beim legendären Cesare, dem Verrückten aus den Bergen oberhalb von Barolo, bei DEM Cesare der nie einen Stern oder ähnliches hatte, der aber bekannter war als die meisten Köche der besten Köche der Welt und dabei noch immer selbst am Herd stand mit heute weit über 70 Jahren. Und das alles zusammen mit anderen passionierten Köchen und Genisßern, dem Vorstand von Slow Food und Freunden auf Einaldung von Otto Geisel, der mit einer Engelsgeduld den halben Tag schon in der Wohnstube von Cesare (die auch als Restaurant dient) ausharrte und von alles Anreisenden ständig konfuse Telefonate bekam mit 1000 Nachfragen zum Weg, zum Plan des Universums und der Unendlichkeit der Menschlichen Einfalt. Zugegeben das Restaurant ist nicht einfach zu finden, weil es kein Schild gibt und auch keinen anderen Hinweis, wenn man schon davor steht. Es ist eben bei Cesare im Wohnzimmer, wer hätte das gedacht! Aber der Weg in die Berge ist gut beschildert und lediglich etwas länger zu fahren als man denkt…

Die Frau vom Stern, Herr und Frau Rosenbaum, die ich in der Jugendherberge aufgelesen hatte und ich selbst kamne so gegen 20:30 an und waren nicht die Letzten. Dies sollten weitere 2 Stunden später die Jungs aus Weimar sein. Sie hatten eine zu lange Autofahrt hinter sich und waren sichtlich gebeutelt als sie ankamen. Aber Cesare versöhnte alle wieder: Der alte graue Mann mit dem Foto vom Robert de Niro im siebten Barolo-Himmel vor seinem Kamin in dem die Ziege, die es zum Hauptgericht gab brutzelte, war ein Erlebnis für sich, kochte sich stumm und konzentriert, alleine für ca. 45 Gäste die Seele aus dem Leib mit allen seine Klassikern: Sautierte Steinpilze mit Pfirsichen, Polenta mit rohem Eigelb Kastanienpüree und weißen Trüffeln, Ziegenbraten mit himmlischen geschmorten Artischocken, Trüffelpasta, Zabglione und Feigen und dazu den Haus-Barolo nach gusto. Ein rustikales Genußerlebnis mit organoleptischen Spitzen, bestürzender Einfachheit und der Empfindung tiefer Befriedigung und Sinngebung, denn alles diese Köstlichkeiten kommen direkt von da aus dem Dorf. Es gibt dort nichts zu essen was nicht heute oder gestern noch am Baum hing oder über die Erde rollte. Die Bereitschaft solche Einfachheit im Genuss  in unserer norddeutschen Kulturlanschaft auch wieder zu entdecken, daß wäre ein schönes Ziel.

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Ein Kommentar »»

  1. Salone del gusto 2008 torino italia teil1.. Neat 🙂

    Kommentar von blog.hohe-duene.de – 4. April 2011

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